Marta Kolendo: Nervöses Wasser

»Was passiert da? Ob Leinwand, Papier oder Mauer: es handelt sich um einen Schauplatz, wo etwas daherkommt [...]. So muß man das Bild als eine Art Theater nehmen: der Vorhang öffnet sich, wir schauen, wir warten, wir vernehmen, wir verstehen; und ist die Szene vorbei, das Bild verschwunden, dann erinnern wir uns: wir sind nicht mehr dieselben wie vorher.«
Roland Barthes, 1979 [1]

Die Künstlerin Marta Kolendo begreift sich in erster Linie als Zeichnerin. Der Umgang mit Linien und Flächen, die Einschreibung von Spuren und Gesten in das Weiß des Papiergrundes, die Sichtbarmachung von Figuren, Gebärden und Handlungen sind es, die den Ursprung ihrer Arbeiten bilden. Zufall und Sinn fallen zusammen und lassen gezeichnete Bildwelten in Erscheinung treten. In ihrem Gestaltungsprozess greift sie auf die einfachsten Mittel zurück: Graphit, Filzstift oder Tusche auf Papier – und eröffnet dem betrachtenden Blick ein kleines Universum, das in der Imagination weiter gesponnen werden kann. Formen und Ausdrücke werden angestoßen, konkretisieren sich auf dem Papier, jedoch ohne eine einzig mögliche Wahrnehmung vorzuschreiben.

Die Zeichnung hat sich in der zeitgenössischen Kunst zu emanzipieren begonnen. Die Grafik dient nicht länger nur der Vorbereitung und Übung, der Konstruktion für Gemälde, vielmehr nimmt sie heute einen eigenständigen Platz im Kunstdiskurs ein. Ihre Ausdrucksformen umspannen einen weiten Bogen von Skizzen- und Strukturhaftigkeit zu präzisen Ausführungen, von intuitiven zu konzeptionellen, von mikroskopischen zu monumentalen Daseinsformen.[2] Die Zeichnung steht selbstbewusst neben den Gattungen von Malerei und Skulptur, sie schweift aus, kann raumgreifend in die Dreidimensionalität verfallen und ist nicht länger notwendig an die Dichotomie von Strich und Papier gebunden. Wenn Marta Kolendo in ihrer Arbeit Dartpfeile (2006) Dartpfeile an die Decke und Wände eines Raumes wirft oder schablonenartige, dünne Holzplatten zusammenpinnt, so reiht sich ihr Umgang mit dem Material und der Linie auch hier in den zeitgenössischen Diskurs der Zeichnung ein – ohne den primären Stellenwert des Papiers in ihren Arbeitsprozessen aufzugeben.

Die Zeichnung berührt die Welt der Vorstellung, ihr wohnt der Charakter einer Prozesshaftigkeit inne, der sie als Ort des Experiments und der Gedankenwelt begreifen lässt. Zu Zeichnen bedeutet für Marta Kolendo gleichzeitig immer das Sichtbarmachen einer Handlung ohne jedoch einer festgefügten bildhaften Vorstellung im Vorfeld verfallen zu sein. Vielmehr sind es innere, symbolhafte, erinnerte und aus der Außenwelt abgeleitete Bilder, die sich während der Arbeit auf das Papier drängen. Bedeutungen und Assoziationen entstehen währenddessen oder anschließend in einem Wahrnehmungsprozess. So fallen Handlung, Wahrnehmung und Imagination zusammen und erschaffen neue Synergien. Die Linienkonstellationen und Flächen lassen Formen und Gebilde entstehen, die mal mehr, mal weniger konkrete bildhafte Verknüpfungen zulassen und hervorrufen – ein Haus, ein Tier, ein Fabelwesen, eine Figur?
Das Spiel mit Bedeutungen und Assoziationen nimmt Marta Kolendo in der Namensgebung ihrer einzelnen Arbeiten wieder auf. Oftmals tragen die Werke sprechende Titel, wie Wölfe, Isabelle oder Hirngespinste. Das Gezeichnete kann damit über den Wahrnehmungsprozess zu einem Begriff werden, kann sich konkretisieren – aber auch auflösen und Irritationen hervorrufen, wenn Sprache und Dargestelltes auseinanderfallen. Worte, Buchstabenfolgen können sich gleichermaßen auf dem Papier wiederfinden, gehören oder werden zur Zeichnung. In diesem vereinigenden Umgang von Sprache und Bild und ihrem Zusammenspiel zeigt sich eine Affinität zu künstlerisch-konzeptuellen Herangehensweisen. Allerdings nicht verstanden im Sinne eines gegebenen, vor-zeichnerischen Konzepts oder einer Idee, die anschließend ausgeführt wird. Sondern vielmehr als ein Benützen und Kreieren (neuer) Kontexte analog zu oder auf den Gestaltungsprozess folgend. Wenn Roland Barthes von einer paradoxen Beziehung zwischen Sinn und Zufall schreibt, so findet sich diese Wesenheit auch in Marta Kolendos Zeichnung: »... enormes Paradox, denn in der menschlichen Ordnung gibt es nichts, was dem Menschen zufällt und nicht gleich von einem Sinn begleitet wird: dem Sinn, den andere Menschen ihm gegeben haben, und so weiter, zurück, endlos.« [3]

Marta Kolendos Hinwendung und Lust am Spiel mit dem Wort wird genährt und unterstützt durch ihr Interesse an Literatur. Das Werk Franz Kafkas oder Samuel Becketts, aber auch die Konkrete Poesie mit ihrer Analyse des Wortes an sich, seinem Selbstausdruck, beeinflussen ihre künstlerische Ausdrucksform und Reflektion. »Ich bin,« verdeutlicht sie, »dabei weniger an Poesie im Sinne einer bildhaften, metaphorischen Sprache interessiert. Eher an dem Wort, was nur sich selbst zum Ausdruck bringt. Erst in Verbindung mit meinen Bildern verändern sich die Begriffe, oder durch die Begriffe verändern sich die Bilder. Ich betrachte somit meine Arbeit als eine Fülle an Einzeldingen, die miteinander in Verbindung gebracht werden. Manchmal bringen aber Einzeldinge auch andere Einzeldinge hervor usw.«

Das Künstlerbuch Nervöses Wasser reiht sich als logische Folge in den Arbeitsprozess der Künstlerin ein. Auf der einen Seite ist das Buch ein Ort der Sprache, auf der anderen Seite ist die Geschichte des Buchdrucks eng mit jener des Papiers verwoben. Marta Kolendos Zeichnung steht in einem engen Austausch von Formgebung, von Sprache und der spezifischen Wahl und Handhabung des Papiers als Material. Papier erscheint in ihren Arbeiten als materielle Trägereinheit von Sprache und Bild gleichermaßen.
Allgemein wird Papier immer wieder mit Haut verglichen, gilt als ihr Spiegel. Es ist verletzlich, fragil, von unbeständiger Existenz, und doch ist es Träger und Speicher der grafischen Geste.[4] Marta Kolendo wählt das Papier und die Art, wie sie etwas zeichnet, bewusst aus. Dass heißt, eine Affinität zum Material und eine diffuse, abstrakte Vorstellung der Geste ist im Vorfeld existent, schon eine festgeschriebene Form zu sein.
Die in Nervöses Wasser reproduzierten Zeichnungen, sind nachträglich gewählte Ausschnitte, Vergrößerungen, Minimierungen, Auflösungen oder Beschneidungen von existierenden Arbeiten. Neu zusammengefügt und in eine eigene Anordnung gebracht nehmen sie die Verfahrensweisen und Formensprache der Künstlerin auf und bilden gleichzeitig eine neue und andersartige Darbietung ihrer Arbeit. Denn oftmals sind es gerade Details, einzelne Formen und Dinge, die Marta Kolendo an ihren gezeichneten Welten interessieren. Das Papier erfährt gleichsam eine »zweite Bearbeitung«, es wird beschnitten oder gewendet, Titel werden gesucht, Buchstaben finden sich ein oder erst nach langer Pause kann es als Werk vollendet werden.
Nervöses Wasser findet sich nicht nur als Benennung des Künstlerbuches wieder, sondern gleichermaßen als Buchstabenfolge in einer Zeichnung, die zudem den gleichen Titel trägt. Nervosität und das Wasser in seiner fluiden Lebendigkeit spielen in der Arbeit und Arbeitsweise Marta Kolendos eine tragende Rolle. Dem Begriff Nervöses Wasser liegt eine poetische Implikation zugrunde; er ist leicht und hinterlässt dennoch einen Moment der Schwere und Hintergründigkeit, vergleichbar dem in ihren Werken offenbar werdenden Spannungsverhältnis. Die Wortkombination ruft Assoziationen von sprudelndem Wasser hervor. Es ist jedoch kein unbeschwert fröhlich plätschernder Bergbach, nicht das in Bewegung geratene Wasser eines Sees. Nervosität birgt eine gewisse Unsicherheit, aber auch eine Anspannung und Zerstreuung. Sie kann fruchtbar sein, wenn sie Dinge zum Vorschein bringt und sie in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellt.
Die Arbeiten Marta Kolendos spielen mit dieser gewissen Unbestimmtheit, zugleich aber auch mit der Kontur, mit Schatten und Schemen, sie greifen nach Details, isolieren Motive oder einzelne Momente. Der Betrachtende erhält die Möglichkeit, mit seiner Vorstellungskraft zu spielen und über das bloß Sichtbare hinaus in neue Imaginationsräume einzutreten.
»... es gibt immer nur Erinnerung oder die Ankündigung des Strichs: auf dem Papier – aufgrund des Papiers – ist die Zeit in ständiger Unsicherheit.« [5]

Frederike Harrant
Basel, im Juni 2012

1 Roland Barthes: Cy Twombly. Berlin: Merve, 1983, S. 65.
2Vgl. hierzu: Françoise Jaunin: Die Jahre der Zeichnung. In: Karine Tissot: Trait papier. Un essai sur le dessin contemporain. Genf: L’Apage / Atrabile, 2012, S. 48 – 52.
3 Roland Barthes: Cy Twombly. Berlin: Merve, 1983, S. 66.
4 Julie Enckell Julliard: Papier solo. In: Karine Tissot: Trait papier. Un essai sur le dessin contemporain. Genf: L’Apage / Atrabile,2012, S. 81 – 92.
5 Roland Barthes: Cy Twombly. Berlin: Merve, 1983, S. 23.