Marta Kolendo – Vom Sinn der Schatten

Die Welt in klaren Kontrasten, gereinigt vom Schleier der künstlichen Konstruktion farblicher Reflexionsmuster, transformiert in Psycho-Buildings, Formen der vor-symbolischen Ordnung, ein reines Wahr-Nehmen. Eine Gnade des Sehens oder eher ein Defekt, Achromatopsie, Farbenblindheit genannt, eine bestimmte Gehirnregion, den untersten Teil des Hinterhauptlappens betreffend? Eine Assoziation jedenfalls, die mir bei den Arbeiten Marta Kolendos als erstes ins Bewusstsein kam – neben dieser Erfahrung beim Maler und ihrem Landsmann Wilhem Sasnal. Hieran wird augenblicklich bewusst, wie kurzfristig eine Vorstellung wirkt, wie begrenzt die Phantasie greift, wenn wir wie im deduktiven, assoziativen Sehen und Verstehen den Umraum und unsere Erinnerungen mit einbeziehen. Die Sinneseindrücke aus der visuellen Welt sind Andeutungen für unser Bewusstsein, wodurch wir beispielsweise auch eine verblassende Welt eine Zeit lang mit der erlernten Farberfahrung ergänzen. Und gleichwohl völlig im Dunkeln stochern, wenn wir die ausserbildnerische Referenz nicht benennen können. Bei Marta Kolendo verlieren die Ursprünge der Bilder, die Ausgangssituation der Formen ihre Bedeutung, verlassen das vertraute Terrain der symbolischen Ordnung und führen uns in die unbewusste Seite unseres Daseins. Kolendos Bilder sind wie Phantome!

Marta Kolendo arbeitet extrem reduziert und direkt in Schwarz-Weiß-Kontrasten mit Öl und Graphit auf Papier, bisweilen auch mit Furnierholz. Ihre Formensprache mag an Rorschach-Bilder oder biologische Abstraktionen der Natur erinnern, nur selten offenbart sie den Ursprung wie bei den Häusern oder Tieren wie der Mickey Mouse. In ihren Bildern ist beinahe alles gelöscht, was die unnatürliche Qualität einer „verblassenden Betrachtung“ trüben könnte. Allein die wesentlichen Elemente wie Licht und Schatten, Konturen oder schematische Formen sind sichtbar, bestimmt durch die einheitliche Farbe des grauen Schwarz, herausgelöste oder angezoomte Details, letztlich mitunter ergänzt durch gestisch-expressive Schlieren, Kreisel, oder ins Metallisch glänzende Graphitflächen.

Die intim wirkenden Zeichnungen Marta Kolendos sind von einer offensichtlichen, paradoxen Weltzugewandtheit, in der bereits existierende Bilder einer Neubetrachtung, Aneignung, Überprüfung und erneuten Egalisierung unterworfen werden. Sie schaut hinter und in die Dinge mittels der Form und deren Kontur, indem sie diesen optisch etwas überzustülpen scheint, metaphorische eine Entleerung mittels einer neuen Hülle vornimmt. Manchmal helfen ihr Schablonen dabei, wenn sie Röcke, Personen, Formen und Phänomene unserer Welt wie zu Serien in neue Räumlichkeiten überführt, in eine Art Schattenwelt überträgt. Marta Kolendo erforscht diese Psycho-Buildings in Kurven, Ecken, Kanten, Aussparungen auf unterschiedlich großen, nachträglich eigentlich immer beschnittenen Blattformaten. Anhand gestischer Schraffuren entstehen narrative Strukturen, die für mich Geschichten erzählen und den Kern meiner Arbeit bilden, sagte sie einmal. So berührt sie das Wesen der Dinge, oder die Dinge an sich.

Weniger oder gar nicht wesentlich, sind die Fotos, die sie verwendet. Die aus Zeitungen, Magazinen, privaten Kontexten oder aus der Kunstgeschichte, Comics, Büchern stammenden Motive sind gleichwertig, gleich interessant, bedeutungsrelevant wie irrelevant. Ein tieferer Sinn ist hierin nicht gegeben. Kolendo überführt sie nicht wertend in ein Wechselverhältnis, zeigt sie zugleich als banal, flüchtig, trivial, oberflächlich – und gibt ihnen dennoch durch ihre Formerfindung ein (neues) echtes Geheimnis, welches metaphorisch in ihrem Schatten zu ruhen scheint. Die unendliche, bunte Welt der Bilder wird auf ihren Blättern und unter ihren Händen zu einem neuen Kosmos voller Rätsel und staunenswerter Eigenheiten. Hierin zeigt sich die Ambiguität als weltumspannende Lingua franca, die uns zu stillen, staunenden und abergläubischen Kulturteilhabern wie auch gleichzeitig sprachlosen und universalen, nämlich identitätslosen Kulturbanausen macht. Die Bilder von Marta Kolendo entstammen der visuellen Kultur, machen sie zu subjektiven Erfahrungen im kuriosen Reich der Schatten und schieben sie ins Psychologische. Aus dem mediatisierten Weltverständnis entstehen sie zeichenhaft neu, beginnen zu sein, neu zu leben. Was wir sehen, ist die Teiltotalität einer nur noch schemenhaft erkennbaren, zersplitterten Netzhaut-Wirklichkeit mit ihrer direkten Verbindung zur neurologischen Bildverarbeitung und letztlich ihrer psychologischen Neubestimmung jenseits jeder Bildprofanität in bestimmten Gehirnregionen. Eine Archäologie über den Sinn der Dinge (und deren Ab-Bilder) im Angesicht ihrer Schatten.

Gregor Jansen