Die Formen erscheinen wie ausgegossen, wie auf das Blatt gefallen, ja manchmal wie eigensinnige und skurrile Kleckse. Und kaum haben sie sich auf dem leicht gedämpften Weiß des Papiers ausgebreitet, fordern sie auch schon das Assoziationsvermögen der Betrachter heraus. Federn, Flügel, Figuren, Fabelwesen streifen das arbeitende Vorstellungsvermögen, ohne dass es immer gelingt etwas dingfest zu machen. „Bei Marta Kolendo verlieren die Ursprünge der Bilder“, schreibt Gregor Jansen in einer schwungvollen Annährung an das Phänomen, „die Ausgangssituation der Formen ihre Bedeutung, verlassen das vertraute Terrain und führen uns in die unbewusste Seite unseres Daseins.“ Angedeutet ist damit bereits, dass die Zeichnerin zuweilen auf Gesehenes, auf Gefundenes, auf Fotos zurückgreift, die ihren Ursprung nur noch ganz selten erkennen lassen. Ausnahmen bestätigen die Regel, wenn sie etwa ein partiell ausgefranstes Wesen mit großen, runden Ohren variiert, das sofort als Mickey Mouse zu erkennen ist, und das auch im Bildtitel nicht verleugnet wird. Ein sich in schönen, unregelmäßigen Voluten nach oben verjüngender Körper ist ganz selbstverständlich als „Queen“ ausgewiesen. Architektonische Anlässe sind relativ leicht zu orten. Möglicherweise ist hier noch etwas offen, ist das Darstellen eine Komponente, die in der Zukunft eine größere Rolle spielen kann. Aber im Augenblick stellt sich das Problem von Gegenstand und Abstraktion überhaupt nicht, höchst souverän setzt sich die Zeichnerin darüber hinweg, es scheint, um es ganz allgemein zu sagen, um die Gleichheit, vielleicht sogar um die Gleichberechtigung der Formen zu gehen, die so sind und nicht anders; egal wo sie herkommen.
Die Formen werden von den Umrissen her erfasst. „Ich arbeite von der Kontur her“, sagt Marta Kolendo und greift in diesem Sinne zu einem ingeniösen Werkzeug. Sie stellt Schablonen der anvisierten Konturen her und ertastet darin mit dem Bleistift eine Zeichnung oder auch eine Malerei, wenn sie mit Farbe arbeitet, - in der Regel schwarz auf weiß mit allen dazwischen liegenden Valleurs. Die Form sucht sich ihren Ort auf dem (relativ großen) Bogen. Der erste Eindruck, dass die Zeichnungen wie auf das Blatt gegossen erscheinen, mag damit zu tun haben. Manchmal muss man auch genau hinschauen, um sich zu vergewissern, dass diese Körper nicht ausgeschnitten und dann wieder aufgeklebt wurden, weil sich die Form so greifbar etabliert. Trotzdem gibt es Schnitte, denn am Blattrand reißt das Bild oft genug ab: Hier ist die Zeichnung zu Ende! Das Motiv wächst aus dem Nichts der Papierkante. Im Mikrobereich der Konturgrenzen kann es dabei zu aufregenden Übergängen kommen, wenn etwa der Sitz der Schablone geringfügig korrigiert wird. Mit gleichen Umrissen realisieren sich gelegentlich unterschiedliche Bilder, die auch schon mal als Doppelblätter oder kleine Serien präsentiert werden. Die Dynamik der eigentlichen Zeichnung, ihr dynamisches Innenleben ist eine Funktion der Form; vielleicht ist das aber auch eine Art Gefängnis oder (weniger dramatisch) ein geschützter Raum, der die eigentliche Zeichenarbeit angelegentlich nach innen zwingt. Das Innenleben lebt von Schraffuren, die mit den Umrissen im dynamischen Austausch wachsen, unterschiedliche Gesten und Strichfelder ergänzen sich zu dialogisch ergänzenden Strukturen. Es kommt zu Material- und Technikbegegnungen, mit dem Filzstift setzt sie etwa eine mit Bleistift begonnenen Schraffur fort. Eine Mickey Mouse kommt in Öl, die andere in Graphit daher. Die solchermaßen erfüllten Umrisse wachsen ins räumlich Voluminöse. Und als wolle sie diese illusionistische Tendenz aufgreifen bzw. einer erneuten Konkretion zuführen, setzt Kolendo auch Körper aus Furnierholz zusammen, die mit Lack und Beize behandelt, ihre eigene Gestik als Relief ausstellen. Dass die Schablone und ihre durchaus originäre Anwendung kein Dogma ist, das die Kontur auch anders zu Stnade kommen kann zeigt sich bei dieser Gelegenheit. Auch gibt es Zeichnungen, die von innen gebaut sind und dabei sehr bestimmt ihren Umrissen zuwachsen.
Eben erst hat Marta Kolendo die Hochschule in Freiburg bzw. in Karlsruhe verlassen, wo sie bei Günter Umberg und Sylvia Bächli studiert hat. Von dem einen komme womöglich die große Übersicht, sagt sie sinngemäß. Und man möchte hinzufügen auch eine (fruchtbare) Selbstreflexion der Arbeit, in diesem Fall speziell für das Medium Zeichnung. Von der anderen, ergänzt Kolendo, das Gespür fürs Detail. Diese Kunst ist unterwegs, hier kann noch ganz viel passieren, alles ist auf Zukunft gestellt! Es fällt aber schon jetzt auf, wie diese Blätter und die ihnen anvertraute Verortung von grundsätzlichen Fragestellungen, den Blick mächtig anziehen. Zur Zeit experimentiert Marta Kolendo auch intensiv mit Farbe.

Reinhard Ermen, Kunstforum International, Bd. 198